25.5.2014

25.5.2014

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zweierlei mass
hans-joachim müller
die welt, 25.5.2014

man muss schon tief graben, recherchieren wie bei einem wissenschaftlichen thema, um auf einen aufsatz, einen katalog, ein paar abbildungen zum werk von stanley brouwn zu stossen. zum künstler weiss man noch weniger. 1935 in surinam geboren, in amsterdam aufgewachsen, einer der pioniere der fluxus- und konzeptkunst der sechzigerjahre, teilnehmer an der documenta 5, 6, 7 und 11. keine fotos, keine interviews. versteckt wie thomas pynchon. oder längst verschwunden aus der öffentlichkeit, wenn er denn je an ihr teilgenommen hat. wer ihm doch einmal begegnet ist, erzählt von einem stillen schreibtischarbeiter, ohne allüren, ohne dieses grandiose gehabe, das zum künstler als champion dazugehört. brouwn war eine zeitlang professor an der hamburger kunstakademie. dass er dort schule gemacht hätte, könnte man nicht sagen.
anders als der früh verstorbene piero manzoni hat brown der effektvollen selbstinszenierung misstraut. während der italienische fluxus-künstler das rollenfach des kauzigen querkopfs beherrschte und, wenn es nichts anderes zu tun gab, auch mal nackte models signierte, scheute sein niederländischer kollege keine anstrengung, alle spuren zum autor sorgsam zu verwischen.
natürlich haben überzeugungen immer auch ihre psychische nährlösung, in der sie gedeihen. brouwns selbstuntertreibung führt nicht automatisch ins zentrum seiner künstlerisch-konzeptuellen überlegungen. aber man sollte es schon als entwurf und vorsatz ernst nehmen, wenn einer auf die eskorte aus agenten, galeristen und museumsleuten verzichtet, die über seine öffentlichkeit wacht und bestimmt. was ja nicht heisst, dass er nicht seinen kreis um sich hätte, seine weggefährten, seine freunde. einer ist der sammler axel haubrok, seit den späten achtzigerjahren passionierter anhänger der konzeptkunst, für deren spröde, zuweilen unscheinbare kunstgegenstände er auf dem gelände der ehemaligen FAHRBEREITSCHAFT, die die ddr-mächtigen in berlin-lichtenberg unterhielten, ein museumsasyl eingerichtet hat, wie es kaum ein zweites gibt. es ist, als tauchte man ein in eine andere, im lauten kunsttrubel fast unwahrscheinlich gewordene welt.
zugleich führen brouwns wand- und bodenstücke in ihren vagen zustandsformen zwischen arbeitsdiagramm und arbeitsergebnis zurück in die schon legendäre zeit der galerie von rené block, die ab 1964 für über ein jahrzehnt das eigentliche (west)-berliner avantgardezentrum war. es muss gleich zu beginn gewesen sein, als bei einer der berühmten vernissagen der weder der sprache noch der stadt kundige stanley brouwn sich zur galerie durchfragte und von passanten den weg aufzeichnen liess. glücklich angekommen, war das kunstwerk vollbracht, und die mitgebrachten strassen-skizzen erinnerten ohne allen kunstwaren-anspruch an die aktion.
konsequenter hat kaum einer die idee der konzeptkunst verfolgt. im selben masse, in dem brouwns dramaturgie die vorstellung anstiften will, entzieht sie sich der formalen festlegung. es gibt sie nicht als design oder ästhetisches produkt. und anderswo als im gedächtnis kann man sie auch nicht aufbewahren. wer bei “this way, brouwn” dabei war und zugehört hat, wie sich der mit einem walkie-talkie ausgerüstete künstler den weg nach schöneberg beschreiben liess, der hat das vielleicht nicht vergessen. mitnehmen hat er nichts können.
dabei war die kopfkunst alles andere als körperlos. brouwns arbeiten haben immer mit verortungen im raum zu tun, mit entfernungen von hier nach dort, mit dem widerspruch zwischen verbindlichem grund-mass und individuellem eigen-mass. und die künstlerischen konzepte zielen allesamt auf mentale erfahrungen, die mit der selbstbestimmung im raum über den raum hinausweisen.
mit kennerschaft und leidenschaft gibt haubrok seine behutsamen erklärungen dazu, ohne die sich die kargen dinge kaum erschlössen. so ganz von selber, allein aus der anschauung und der lektüre der werktitel, die nicht selten das layout von handlungsanleitungen haben, geht es eben nicht. erst recht heute ist solche kunst strenger observanz darauf angewiesen, dass einer ein wenig hilft, die schwerfällige seh- und denkmaschine auf die gleise zu setzen. von sinnlichen ereignissen wird man angesichts feiner linien, die etwa den tatbestand einer ein-meter-länge erfüllen, ohnehin nicht sprechen wollen. auch hat das fuss-mass des künstlers nichts von der art, dass einem die augen übergingen. aber wenn man die werkbeschreibung liest – “das verhältnis zwischen ihrer körperlänge und der länge und der breite des fussbodens, jeder wand und der decke dieses raumes = 1:x, 1:y etc.” -, dann tut sich doch ein imaginärer raum auf. und es ist wie vor einem bild, das ja auch mehr ist, als was es zeigt.
man hat der konzeptkunst zuweilen vorgeworfen, sie spiele nur ein betriebsinternes spiel, das kunst über kunst heisst und aus lauter debattenbeiträgen für die tischgespräche einer exklusiven minderheit besteht. jetzt erschliesst sich mit einem mal auch der utopische antrieb dieses werks. in der art, wie sich die künstlerische präzision der selbstvermessung im raum an den unbemessbaren ansprüchen der anderen mit im raum bricht, werden die grenzen zwischen denkkunst und sozialkunst fliessend. vielleicht hat man das damals, als sich der künstler bis zur galerie vorkämpfte, noch nicht so deutlich erkennen können. inzwischen gibt es das navi, und es gibt die FAHRBEREITSCHAFT, und man weiss dank axel haubrok entschieden mehr über stanley brouwn.